Saramago, “Die Stadt der Sehenden”

Die Stadt der Sehenden (Partnerlink) war das dritte Buch von José Saramago (Literaturnobelpreis 1998), das ich gelesen habe. Die ersten beiden “Die Stadt der Blinden” (Partnerlink) und “Das Memorial” (Partnerlink) hatten es mir so angetan, dass ich auch dieses Buch kaufen musste.
Die Geschichte: in einem namenlosen Land findet eine Wahl statt. Bei dieser Wahl werden in einer Stadt viele weiße Stimmzettel abgegeben. Die Regierung lässt die Wahl wiederholen und schickt Spitzel aus, aber es wiederholt sich das Ergebnis und viele weiße Stimmzettel werden abgegeben. “Die Weißwähler” haben lediglich von ihrem Recht nicht zu wählen Gebrauch gemacht, aber die Regierung ergreift nach und nach immer drastischere Maßnahmen, die in der kompletten Abschottung und “Belagerung” der Stadt enden – der Roman spielt wohlgemerkt im Heute! Zuguterletzt wird ein Kommissar mit Gehilfen in die Stadt geschickt, um eine Verschwörung aufzudecken, die es gar nicht gibt. Er ist nicht der einzige in diesem Buch, der von der Regierung ermordet wird.

Während die Stadtbewohner sich friedlich verhalten, verfällt die Regierung einer Paranoia. Die Stärken des Buches liegen in der fesselnden Eskalation der Situation, die am Ende ins Absurde abgleitet. Gewöhnungsbedürftig sind die Dialoge, die in endlosen kommaseparierten Kaskaden von Sätzen daherkommen. Da ist das Buch manchmal etwas hakelig. Eine Stärke und Schwäche zugleich ist der starke Bezug auf das frühere Werk “Die Stadt der Blinden” (Partnerlink), der ca. die Hälfte des Buches beherrscht. Wenn man dieses nicht gelesen hat, versteht man nicht auf Anhieb, was die Regierung hinter der Verschwörung der “Weißwähler” vermutet, nämlich dass die einzige Frau, die beim Erblinden aller Menschen in “Die Stadt der Blinden” (Partnerlink) sehend blieb, heute die Verschwörung des Weißwählens anzettele.
Ich fand das Buch bis ca. 2/3 des Textes fast schon spannend, weil man stets darauf wartet, was der Regierung als nächstes wieder einfällt, um die Absurdität auf die Spitze zu treiben. Das Buch endet mit einem eher schwachen offenen Ende. Es geht nicht um ein Happy End, es geht um das Verhalten der Regierung, die aus einem “unkritischen” Ereignis eine unmenschliche Paranoia entwickelt. Die Überreaktion der Regierung gegenüber den “Weißwählern” stellt all die Manöver der Politik im richtigen Leben in ein anderes Licht, sie entlarvt durch das Übertreiben.
Lesenswert finde ich das Buch allemal, wenn auch Saramago-Fans sicher am meisten davon haben.

ISBN: 978-3499-24082-9 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de

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