Endet die Literatur am Tellerrand?

In der FAZ vom 30.01.08 findet sich im Feuilleton ein interessanter Artikel von Richard Kämmerlings: Am Tellerrand gescheitert, der auch online verfügbar ist.

Mit dem Aufhänger des aktuellen Falls von Jerome Kerviel, der Milliarden “verzockt” haben soll, führt Kämmlings die Klage, dass die dt. Gegenwartsliteratur zu wenig aus dem Leben greift. Als Ursache dafür führt er den mangelnden Austausch der Autorengilde mit den Helden des täglichen Lebens (Banker, Informatiker, …) an. Wie man an den Lesermeinungen zum Artikel sehen kann, stößt diese Analyse nicht auf ungeteilte Zustimmung.

Insgesamt finde ich es schwierig, die Forderung von Kämmerlings umzusetzen. So ein Roman mit dem Bezug zum echten Leben ist aus zwei Gründen schwierig. Ist er zu nah an einem Beispiel aus der Realität, besteht die “Gefahr” des Schlüsselromans, der für den Informanten und Ideengeber negative Konsequenzen haben kann – Ausplaudern von Firmeninterna, schlechtes Abschneiden von Kollegen in der Handlung, etc. Nimmt der Roman die Realität nur als Ideengeber, ist es als Außenstehender möglicherweise schwierig, nur durch Recherche die entsprechende Gefühlslage und Denkweise zu erfassen. Die Helden von heute haben ein ganz eigenes Gefühlsleben, das ihr Job mitbringt. Da müsste wohl schon ein Insider mit Begabung zum Schreiben einen Roman schreiben.
Auf der anderen Seite wären mehr solcher Themen aber auch erfrischend anders – aber Vorsicht: vielleicht ist “anders” genau das, was die Leserschaft nicht wünscht. Die Probe aufs Exempel müssen wohl Autoren, Verlage und Leser gemeinsam machen: erstere durch das Schreiben solcher Romane, zweitere durch Veröffentlichen derselben und dritte durch Kaufen der Romane.

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