Thiel, “Wer bloggt so spät durch Nacht und Wind?”

Thomas Thiel kommentiert und bewertet in der heutigen Samstagsausgabe der FAZ mal wieder die Blogger. In seinem Artikel Wer bloggt so spät durch Nacht und Wind? schildert er seine Besuche bei Don Alphonso (s. blogbar.de und Rebellen ohne Markt), einem Enfant Terrible der deutschen Blogszene, sowie bei Robert Basic und Tillmann Allmer (s. Tristesse Deluxe) – allesamt “Leitblogger” in Deutschland.
Thiel scheint der Bloggerszene etwas abzugewinnen, sonst würde er sich nicht so intensiv mit ihr beschäftigen. Der Artikel ist nicht sein erster zum Thema in der FAZ (s. auch Sorry, meine Schuhe quietschen!). Beachtlich finde ich seine begrenzte Sichtweise, die die Arbeit eines Bloggers permanent aus der Brille des Journalisten betrachtet – v.a. die “Recherche” scheint ihm wichtig; also etwas was die wenigsten Blogger betreiben. Dazu:

Im Zeitalter der Kollektivierung und Spezialisierung hat es die meist unprofessionalisierte Bloggerkultur schwer: Den wenigen, die sie vorantragen und die meist dafür nicht bezahlt werden, erlaubt das Medium kaum Spezialisierung oder Zeit für Recherche.

Interessant. Natürlich sind die Blogger nicht professionalisiert, aber sie sind durchaus professionell. Aber kaum Zeit für Spezialisierung? Gerade das ist doch die Stärke der Blogs: es gibt Tausende hochspezialisierte Blogs zu allen möglichen Themen. Aber spezialisiert heißt auch, dass es nur Spezialisten lesen, also in der Regel weniger Leute als die großen Blogs – das ist dann wohl der Long Tail der Informationsweitergabe. Die großen Blogs sind oft gerade deswegen so erfolgreich, weil sie nicht hochspeziell sind, sondern viele ansprechen.
Thomas Thiel ist spezialisiert und er recherchiert sicher auch sehr gut, aber seine Artikel sind u.a. deshalb so prominent, weil sie in der FAZ erscheinen und die ist prominent, weil sie Themen enthält, die viele Leute interessieren. Die FAZ ist thematisch nicht spezialisiert, aber sie bietet eine Vielzahl von sehr guten Artikeln (ja, ich bin Abonnent), die von spezialisierten Journalisten kommen. Würden so viele Leute Thomas Thiel Blog und Artikel lesen (wenn er eines hätte; hat er eines?), wenn sie nicht auch in der FAZ stünden? Was nützte dann die Professionalisierung und die Recherche und die Spezialisierung?

Ich halte es nicht für einen Nachteil, das etwa Robert Basic nicht recherchiert und auch nicht, dass er nicht spezialisiert ist. Das erwarte ich nicht vom ihm und lese sein Blog wie viele andere trotzdem gerne. Und die FAZ lese ich gern, gerade weil sie Spezialisten bietet – und zu den besten deutschen Zeitungen gehört. Die Vielfalt ist das Entscheidende. Lasst doch den Leser entscheiden.
Thomas Thiel Resumee passt: mit den Blogs formt sich etwas Neues. Wir experimentieren alle noch mit dem Neuen. Seien wir nicht zu kritisch:

Was treibt die Autoren zu dieser erschöpfenden und doch nicht erschöpften Tätigkeit, zu diesem Medium, das unablässig vorantreibt und keine Pausen gönnt, und zu diesem Text, der seine Schreiber vereinnahmt und überrollt? Was ist der Erkenntnisgewinn aus den unzähligen Diskussionen, was der persönliche Ertrag aus den anonymen oder halbanonymen Scharmützeln, wenn nicht vor allem vor allem das Gefühl des Dabeigewesenseins, damals, als sich ein Medium formierte.

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