Walser, “Ein liebender Mann”

Das Buch Ein liebender Mann (Partnerlink) von Martin Walser war in aller Munde. Als ich nicht mehr von Rezensionen (Spiegel.de, Perlentaucher.de, Literaturkritik.de,
FAZ Reading Room) zu diesem Buch überflutet wurde, habe ich es mir vor ein paar Wochen auch gekauft. Die Kritik im Feuilleton war sehr unterschiedlich, von überschwenglich bis enttäuscht.

Zum Inhalt: Das Buch erzählt die “Liebesgeschichte” zwischen Goethe und Ulrike von Levetzow, bei der sich der über 70-jährige Goethe in die knapp 20-jährige Ulrike von Levetzow verliebt. Die unmögliche Liebe half Goethe beim Schreiben der Marienbader Elegie.
Goethe ist von Ulrike verzaubert: ihr jugendlicher Charme, ihre Ungestümheit und Respektlosigkeit lassen den “liebenden Mann” sein Alter vergessen. Trotzdem holt es ihn irgendwann ein. Zuerst macht ihn ein junger Wilder “ohne Vornamen” auf einem Ball eifersüchtig, dann stürzt er im Dunkel, als er mit Ulrike in den Garten geht. Trotz des Altersunterschieds scheinen sich die beiden blind zu verstehen: zu einem Kostümball verkleiden sie sich – ohne sich vorher abzustimmen – als Werther und Lotto, also die Protagonisten aus Goethes Werther; ihre Dialoge sind Pingpong-Spiele, die routiniert wirken.
Ulrike selbst scheint etwas infantil: sie streitet sich mit ihren Schwestern und nutzt SMS-artige Abkürzungen wie “Swsw” und “KVdOoM”, die auch Goethe sich aneignet.
Goethe ist alt, Ulrike gibt sich modern; er ist langsam,sie ungestüm und schnell. Sie scheinen nicht zueinander zu passen und Goethe scheint das auch zu spüren – er hadert mit sich selbst und irgendwann scheint er sogar an seinem intellektuellen Leben zu verzweifeln und wünscht sich in das körperliche, echte Leben. Die beiden finden am Ende nicht zusammen, trotz eines Heiratsantrags von Goethe.

Walser schreibt einen sprachlich souveränen Stil. Die Sätze sind geschliffen, konsistent und sprachlich gekonnt. Das sprachlich hervorragende und ungemein angenehm zu lesende Buch endet mit einem meiner Meinung nach ziemlich platten Schlussatz, bei dem Goethe beim Wachwerden “sein Teil in der Hand” hält.

Trotz des Hypes und trotz Walsers Sprachgewalt und -gewandtheit finde ich das Buch etwas zäh. Die Sprache, die Handlung, der rote Faden – alles geschliffen und bildend, vielleicht zu perfekt. Wirklich empfehlen kann ich es nicht. Es fehlt der Witz eines Daniel Kehlmann, der mit “Die Vermessung der Welt” einen “historischen Roman” sondergleichen präsentiert hat – sein Stil ist für Romane dieser Machart ab sofort der Maßstab.

ISBN: 978-349807363-3 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de

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