Rodari, “Grammatik der Phantasie”
Im Newsletter des Reclam Verlags im Juni bin ich auf das Buch Grammatik der Phantasie – “Die Kunst, Geschichten zu erfinden” (Partnerlink) von Gianni Rodari aufmerksam geworden. Bisher hatte ich noch nicht von dem Buch gehört, obwohl es ein Klassiker von 1973 (!) ist. Und nach den ersten 30 Seiten weiß man auch warum es ein Klassiker geworden ist: es ist keine komplex strukturierte Anleitung dafür wie man kreativ wird, sondern eine Sammlung von Hinweisen, Tipps, Erläuterungen, Beispielen und Anregungen. Genau das ist die Stärke des Buches. Es ist keine Sekunde langweilig oder zu abstrakt.
Die Bandbreite der Anregungen ist riesig. So startet das Buch mit der Idee, die formale Logik für kreative Prozesse zu nutzen. Diese spontan absurde Idee (wie soll man mit formalen Mitteln kreativ sein?), erweist sich als unglaublich effizient: durch rein syntaktische Umformungen erhält man eine neue Semantik von Wörtern oder Neologismen und leitet daraus neue Zusammenhänge ab. Sehr erfrischend. Der Vergleich mit der Logik und Mathematik wird im Buch häufiger aufgegriffen, es ist die Rede von Mengenlehre, Kalkül, Abbildungen.
Rodari (eigene Homepage, ital.) mag diese mechanischen Spiele, die in einem nicht vorhersehbaren Ergebnis enden, da die Ausgangslage zufällig gewählt wird. Er empfiehlt u.a., Erzählungen in einzelne Funktionen d.h. Bestandteile zu zerlegen, wie das da Vinci gemacht hat, der als erster seine Maschinen in einzelne “Funktionen” zerlegt hat, aus denen sich die Gesamtmaschine zusammensetzt und die auch in anderen Maschinen neu rekombiniert werden können.
Er zeigt auf, dass Märchen aus den immer gleichen “Funktionen” bestehen und die Ideen des Märchens so tief in unserer Kultur verwurzelt sind, dass sogar James Bond Geschichten Elemente davon enthalten. Dazu gibt es eine Vielzahl anderer Ideen und ich wette, jeder wird eine “Kreativitätstechnik” finden, die ihn begeistert.
Rodari selbst meint zu seinem Buch;
Die vorliegende “Grammatik der Phantasie” [...] ist weder eine Theorie der kindlichen Imagination [...] oder eine Rezeptsammlung, noch ein Lehrbuch für Geschichten, sondern, wie ich glaube, ein Vorschlag unter vielen anderen, die bestrebt sind, die Umwelt, in der das Kind aufwächst [...] durch Anregungen zu bereichern.
Abschließend finde ich diese Zusamenfassung etwas tiefgestapelt – das Buch setzt den Kopf in Bewegung, es regt an, es fesselt; man nimmt etwas davon mit und ist sich sicher, es nicht zum letzten Mal in der Hand gehabt zu haben. Mehr kann ein Buch nicht leisten.
ISBN: 978-315021648-4 (Partnerlink)
