Emotionen werden das Buch retten

Logo FAZ Im Feuilleton der FAZ fand sich am Freitag ganzseitig ein nachdenklich stimmender Artikel von Hubert Spiegel: Das Buch, das aus dem Äther kam zu Amazons E-Book Lesegerät Kindle.
Spiegel mäandert spannend durch die viele Aspekte, die sich durch das Erscheinen des Amazon Kindle (und durch E-Book Lesegeräte allgemein) in der Welt der Bücher ergeben. Er ist sich sicher, dass E-Book Lesegeräte die ökonomischen Grundlagen des Buchmarktes verändert werden und dass die Linearität des Lesens leiden wird.

Natürlich wird der Kindle die Ökonomie des Buchmarktes verändern, so wie jede technische Neuerung in ihrem Kontext die öknonomischen Grundlagen ändert, wenn sie einen Nutzen hat und in Masse eingesetzt wird. Das muss erst einmal nicht schlecht sein, auch wenn man in erster Linie die erwarteten Effizienzgewinne mit Personalabbau assoziiert. Es wird aber meiner Meinung nach auch ganz neue Märkte geben, wie etwa diese:

  • Dienstleister, die alte gedruckte Ausgaben in E-Book Ausgaben überführen
  • Dienstleister, die reine E-Book Ausgaben drucken und binden. Dazu würden auch die Strategie von Suhrkamp passen, in Zukunft über Book-On-Demand zu verkaufen.
  • Antiquare werden Bücher als extrem knappes Gut handeln können und damit wesentlich höhere Summen erzielen
  • Es wird ganz neue Sammelgebiete geben und alleine der Sammlermarkt wird einen ganz anderen Wert haben

Es gibt durchaus Anwendungsszenarien, wo ein Gerät wie der Kindle Sinn macht:

  • Fachbücher
  • Nachschlagewerke oder Menge von Werken, in denen man einfach nachschlagen kann
  • Schneller Suchzugriff auf große Datenmengen
  • Umweltschonende Publikation von “Wegwerfmedien” wie Zeitungen und Magazinen
  • Als Ergänzung zur Druckausgabe: warum nicht (kostenlos) zur Druckausgabe die E-Book Variante dazugeben? Dann sparen zwar die Verlage nicht viel in der Produktion, aber der Leser gewinnt viel.

Natürlich geht durch das Suchen nach Texten die Linearität des Lesens verloren:

Muss nicht das konzentrierte Lesen, das Sichvertiefen in ein einzelnes Werk, irgendwann zum Ding der Unmöglichkeit werden?

Das muss man nicht auf den Kindle warten: das ist heute schon so. Das Phänomen hat vielfältige Ursachen und ich bin sicher, der Kindle wird daran den geringsten Anteil haben. Wer heute schon nicht die Muße hat, in den Lesevogang als solchen Zeit zu investieren, der wird es mit dem Kindle auch nicht haben – nicht umgekehrt. Kein Mensch wird Harry Potter auf dem Kindle lesen nur weil er darin suchen kann.

Ich meine, dass das gedruckte Buch nicht verschwinden wird, ebenso wenig wie die gedruckte Zeitung. Die Gründe führt Spiegel an:

  • das Medium: “… Aber wird er jemals das gedruckte Buch verdrängen können? [Steven] Kings Antwort: „Nein. Die Unwandelbarkeit des gedruckten Buchs unterstreicht die Bedeutung der Ideen und Geschichten, die wir darin finden. Erst das Buch verleiht dem flüchtigen, fragilen Medium Dauer und Stabilität.“”
  • die Haptik: das Buch, das “… riecht, altert und sich anfassen lässt.”
  • die Emotion: “… Tritt er danach wieder an sein Bücherregal, wird ihm die Aura des Buches so zart und verletzlich erscheinen wie der Flügel eines Schmetterlings”.

Bei Spiegel Online wird dieser Tage der eBook-Reader PRS-505 von Sony vorgestellt. Der Amazon Kindle ist nicht der einzige E-Book Reader, der zum Sturm auf den Buchmarkt ansetzt (s. dazu auch Amazon Kindle – Digitalbuch vor dem Durchbruch).

Die Emotionen werden das Buch als haptisch erfahrbaren Gegenstand retten, der “… riecht, altert und sich anfassen lässt”. Der Anblick einer Bibliothek wird weiter fesseln, genauso wie das gemalte Bild weiterhin fesselt. Die E-Books und ihre Lesegeräte sollen kommen: sie werden den Buchmarkt ergänzen und verändern, aber nicht untergehen lassen.

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