Safranski, “Romantik”
Ein wahres Juwel ist das Buch Romantik – eine deutsche Affäre (Partnerlink) von Rüdiger Safranski (Wikipedia). Safranski wurde in der aktuellen Ausgabe des Magazins Cicero zum wichtigsten Vordenker unter den Kulturwissenschaftlern gewählt. Wenn man dieses Buch gelesen hat, weiß man warum.
Es war mein erstes Buch von Safranski und es hat mich begeistert. Trotz der 400 Seiten voller Fakten wirkt es nie überladen oder langweilig. Die Geschichte der deutschen Kulturlandschaft seit 1780 scheint plötzlich eine logischen Abfolge zu haben. Die Romantik löst als Epoche u.a. die Aufklärung ab – mit entsprechenden Gegenpolen: während die Aufklärung den Verstand und die Ratio betonte, spielt die Romantik mit dem Gefühl. Und das Buch vermittelt dieses Gefühlsleben auf eine unnachahmliche Weise und mit einer irritierenden Intensität.
Das Buch hangelt sich von den Anfängen der Romantik bis in unsere Tage. Nach der Epoche der Romantik folgt die Geisteshaltung des Romantischen. In diese beiden Teile ist auch das Buch aufgeteilt. Die insgesamt 18 Kapitel haben eine angenehme Länge und werden stichwortartig im Inhaltsverzeichnis zusammengefasst. Die Liste der angesprochenen Autoren, Philosophen und anderer Romantiker ist riesig, Safranskis Kenntnis von Literatur wird durch die Vielzahl der Zitate eindrucksvoll deutlich. Wer eine Liste der wichtigsten Romatiker sucht wird bei Wikipedia fündig. Gegen Ende hinterfragt Safranski, ob das Romatische den Nationalsozialismus begünstigt hat, und geht der Frage nach, ob die Romantik etwas in der Politik zu suchen hat.
Der komprimierte Schreibstil Safranskis fordert dem Leser eine angenehme Aufmerksamkeit ab, wie ich sie selten bei einem Sachbuch erlebt habe. Sie überfordert den Leser nicht und schraubt sich – wenn man einmal eingetaucht ist – leicht nach oben. An vielen Stellen scheint die Romantik greifbar und das romantische Gedankengut spürbar zu werden. Das Buch macht Lust auf mehr, auf mehr von Eichendorff, von Novalis, aber auch von Nietzsche, Schlegel und Fichte.
Wem Eichendorffs Mondnacht mehr gibt als andere Gedichte, der sollte dieses Buch lesen. Denn:
Romantik ist der Mehrwert, der Überschuß an schöner Weltfremdheit, der Überfluß an Bedeutsamkeit. Romantik macht neugierig aufdas ganz andere. Ihre entfesselte Einbildungskraft gibt uns die Spielräume, die wir brauchen, falls wir mit Rilke bemerken, “daß wir nicht sehr verläßlich zu Hause sind / in der gedeuteten Welt”.
ISBN: 978-344620944-2 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de
