Warum E-Reader das gedruckte Buch nicht verdrängen werden

E-Books sind gerade zur Frankfurter Buchmesse in aller Blogs. In Reaktion auf den Artikel Warum E-Reader das gedruckte Buch verdrängen werden von Marcel Weiss, möchte ich das Gegenteil behaupten. Warum? Dazu gibt es eine Vielzahl von Argumenten. Einige davon sind auch in den Kommentaren zum Artikel oben genannt. Auf keinen Fall sehe ich den Horizont von fünf Jahren für eine Verdrängung, den Weiss nennt. Das ist absurd. Das E-Book wird das gedruckte Medium (Buch+Zeitung) ergänzen, vielleicht vereinzelt ersetzen, aber nicht verdrängen. Es geht nicht nur um Inhalte, es geht auch um das “Abspielgerät”, das “Trägermedium”.

  1. Sensorische Wahrnehmung – damit meine ich Haptik, Geruch, Aussehen. Ein Buch bleibt ein Buch – egal welchen Inhalt es hat. Man kann es fühlen, es riecht, es identifiziert sich über seinen Buchdeckel (ein E-Book sieht immer gleich aus). Ein Buch hat ein Gewicht, man spürt, dass es da ist. Kein Bücherfreund möchte auf das sensorische Erlebnis Buch verzichten. Kein E-Book wird das Blättern in einem Buch je nachbilden können.
  2. Dinglichkeit – Das Ding Buch hat als “Abspielgerät” einen Charme, den ein E-Book Reader nie haben wird, außer vielleicht für Technikbegeisterte. Es kann verbrannt, zerrissen, vermalt und gestapelt werden. Und man hat etwas “in der Hand” für sein Geld. Ein Buch bleibt: es ist die Dingwerdung einer intellektuellen Leistung. Autor und Leser möchten ein Buch “in den Händen halten”, wenn es fertig ist. Es soll auch da sein, wenn der Strom ausfällt.
  3. Symbolik 1 – Und was ist mit Kinderbüchern? Soll man den Kleinen etwa in Zukunft E-Books vorlesen? Womöglich noch in Scharz-Weiß? Wo sind die Farben? Wo ist das Buch als Symbol für eine versteckte Welt voller Wunder, die erschlossen werden will? Die individuell aussieht und in der sich ein Buch von einem anderen unterscheidet? Wo man an einem physisch vorhandenen Gegenstand seinen Intellekt voranbringen und präsentieren kann?
  4. Symbolik 2 – Das Buch als Symbol für Gelehrsamkeit, als Symbol für Ordnung, als abgeschlossenes Werk, das für sich steht? Es gibt Leute, die sammeln Bücher. Es gibt Leute, die mögen ihre Bibliothek – im Sinne einer Sammlung physisch vorhandener, anfassbarer Bücher. Vielleicht auch einfach nur, weil das gut aussieht, weil Bücher eine gemütliche Atmosphäre verbreiten, ein warmes Ambiente.
  5. Techniküberschätzung – Natürlich wird ein neues Medium einen neuen Markt schaffen. Aber selbst heute sind nicht alles Menschen ständig im Netz unterwegs, obwohl es viel schnelleren Zugriff auf Informationen bietet als andere Medien. Und warum lesen nicht alle ihre PDFs und E-Books heute schon auf PDAs und überteuerten iPhones? Weil die Teile unhandlich zum Lesen sind, einen Akku brauchen, man nicht vernünftig blättern kann, die Anzeige zu klein ist, kurz: weil all das, was bei einem Buch selbstverständlich ist, hier plötzlich zum Problem wird. Im übrigen bin ich sicher, dass die Leute Bücher mit sich “rumschleppen” wollen und keine E-Book Reader. Wenn schon, dann das Original.
  6. Übersicht – wer kennt das nicht: abends die Zeitung aufschlagen und dann die großen Seiten überfliegen, hier hängenbleiben, da reinlesen, wieder kurz mit dem Auge zurück, kurz aufs Datum geschaut. Schnell die Überschriften geprüft, quergelesen, hier hängengeblieben, einen Namen erhascht, reingelesen. Wie soll das mit einem E-Book gehen? Und wie soll man großformatige Bildbände wie das tolle Buch China auch nur annäherend so brillant auf einem E-Book präsentieren? Überhaupt: Großformatige Bilder/Abbildungen?
  7. Kosten – Für E-Books wird vielfach das Kostenargument als Pro-Argument gebracht. Aber durch On-Demand Druckanbieter werden sich die Kosten für die Lagerhaltung und as Vorhalten von Büchern drastisch reduzieren. Dann werden auch Nischenbücher kostengünstiger druckbar und kaufbar sein. Außerdem ist im Leben das rationale Kosten- und Effizienzargument nicht immer das wichtigste Argument: manchmal kauft man sich einen Gegenstand (oder tauscht ihn nicht gegen einen “effizienteren” aus), weil man ihn so mag wie er ist – mit all seinen nicht perfekten Eigenschaften.

Ich bin sicher, dass E-Books sich ihren Platz erobern werden und ich werde vielleicht auch einen E-Book Reader haben, v. a. für Sachbücher (aber nur mit WLAN, damit ich für E-Book Reader optimierte Inhalte von Webseiten oder RSS-Feeds lesen kann). Ich bin mir aber auch sicher, dass sie Bücher nicht verdrängen werden. Zu jedem Trend gab es irgendwann einen Retrotrend. Sogar Schallplatten gibt es heute noch – da kann jeder DJ ein Lied von singen; mit Platten kann man Dinge tun, die man mit CDs und DVDs eben nicht tun kann. So wird das auch mit dem Buch und dem E-Book Reader sein.

Weitere interessante Artikel zum Thema:
E-Book Readers With A Natural Touch, Reale Bücher vs. Virtuelle Bücher, The reading and book buying habits of Americans

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3 Kommentare zu “Warum E-Reader das gedruckte Buch nicht verdrängen werden”

  1. Elektronische Bücher gratis | Oberlehrer

    [...] werden“. Ein Plädoyer fürs klassische Buch findet sich bei Lesereins im Beitrag “Warum E-Reader das gedruckte Buch nicht verdrängen werden“. Liste der genannten LinksFrankfurter Buchmesse (15. bis 19.10.2008)Roman Backup (Download [...]

  2. MichaelFAUST » Blog Archive » Fundgrube: Links der Woche

    [...] Warum Ebook nie das gedruckte Buch ersetzen wird – Eine interessante Frage: Ebook und Ereader oder das Printmedium. Ich meinerseits bleibe beim gedrucktem [...]

  3. LeserEins » Blog Archive » Wandernde Bücher online und offline.

    [...] Warum E-Reader das gedruckte Buch nicht verdrängen werden, habe ich schon einmal versucht zu begründen. heise.de berichtet nun von einem Interview, in dem Buchhändler Stephan Jaenicke seine Kollegen warnt, dass sie sich nicht richtig auf das Kommen der E-Books vorbereiten. Aber auch er glaubt nicht, dass gedruckte Bücher ganz verschwinden werden. Es gibt sogar einen etwas tröstlichen Ausblick: Trifft das die kleinen Einzelkämpfer mal wieder härter als die großen Filialisten? Nein, dieses Schreckensszenario geht auch an den großen Filialisten nicht vorbei. Im Gegenteil: Wenn das gedruckte Buch in ferner Zukunft einmal eine Art Nischenprodukt sein sollte, haben kleine unabhängige Buchhandlungen bessere Chancen, es als “Kultprodukt” zu vermarkten als die großen Ketten. [...]

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