Passig, Lobo, “Dinge geregelt kriegen”

Wenn man die Bewältigung des Lebens auf einer Skala betrachtet, die etwa wie folgt aussieht: “Dinge nicht gereglt kriegen”, “Dinge geregelt kriegen”, “Dinge unter Kontrolle haben”, “Dinge gestalten”, dann ist das Buch Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Disziplin (Partnerlink) von Sascha Lobo und Katrin Passig die Ermunterung dazu, Stufe 2 gelassener zu sehen und keine Energie darauf zu verschwenden Stufe 3 oder gar Stufe 4 zu erreichen.

Das Buch dreht sich rund um das Phänomen der Prokrastination (Wikipedia) = Aufschiebeverhalten von Menschen. Im Prinzip handelt es sich bei dem Buch als um ein Buch zum Thema Zeitmanagement, aber wahrscheinlich das seltsamste Buch, das sie bisher zum Thema gelesen haben (und wahrscheinlich auch eines der lesenswertesten).

Jeder kennt das Phänomen: man hat tausend “Dinge” zu tun – Wichtig und Unwichtige – und die schiebt man dauernd vor sich her. Das hat mal keine Folgen und mal hat es schlimme Folgen. Dinge geregelt kriegen (Partnerlink) wendet sich an LOBOs, mit ihrem Leben klarzukommen. LOBO steht für einen Anhänger des “Lifestyle of Bad Organisation”, also einen Aufschieber. Es macht Mut, das tägliche Chaos und all die Aufschieberei als gegeben zu akzeptieren und möchte die Prokrastination nicht überwinden helfen, sondern “das Leiden an ihr”.
LOBOs wissen um ihre problematische Haltung, aber sie handeln gemäß Ovids Weisheit “Video meliora proboque deteriora sequor” = “Ich sehe das Bessere und erkenne es als solches an, folge aber dem Schlechteren” (Ovid, Metamorphosen). Sie wissen, dass sie mit ihrer Aufschieberei weniger erfolgreich sind, anfälliger für Beeinflussungen sind, negative Folgen der Aufschieberei aktiv in Kauf nehmen und dass sie eher triebgesteuert kurzfristig handeln statt rational langfristig.

Als Nicht-LOBO fühlt man sich zu Beginn des Buches durchaus provoziert: Selbstdisziplin und Ordnung erscheinen nicht als erstrebenswert und als geradezu hinderlich. Die Haltung der LOBOs scheint die einzig wahre zu sein. Insgesamt wird das Buch mit zunehmendem Lesen versöhnlicher und gibt am Ende sogar Ratschläge für Nicht-LOBOs zum Umgang mit LOBOs. Insgesamt ist mir das Buch aber etwas zu beliebig in seinen Ratschlägen; Prokrastination ist für die Autoren die einzige Konstante im Leben. Alles andere muss sich ihr unterordnen.  Statt auch nur den kleinsten Schritt in Richtung “Dinge unter Kontrolle haben” zu tun (s. Skala am Anfang des Artikels), ermuntert es zum Halten und Ertragen des Status Quo. Das finde ich etwas schwach. Zudem gibt es einige Postulate, deren universelle Wahrheit angezweifelt werden kann, wie etwa “Denn wer über Geduld und Fleiß verfügt, dem fehlt die Motivation, langweilge, mühsame Aufgaben zu vereinfachen.” (S. 171). Dinge wie “Fremdsprachen lernen” weden oft abschätzig als “sinnvolle Tätigkeit” abgetan – das ist infantil. Man hat allerdings oft Zweifel, ob alles im Buch ernst gemeint ist – etwa das Glossar im Anhang oder die Empfehlung Ritalin zu nehmen, um die Aufschieberei zu dämpfen.

Lobo (Twitter) und Passig (Twitter) schreiben auch ein Blog zum Buch (und arbeiten außerdem am berühmten Blog Riesemaschine mit). Zudem gibt es eine ganze Reihe von Weblinks zum Thema, wie etwa procrastination.com oder prokrastination.net oder structuredprocrastination.com oder procrastinators-anonymous.org. Ein typischer Fall von Prokrastination findet sich hier: Aufschieberitis – Prokastination in der Praxis.

Das Buch ist LOBOs und Nicht-LOBOS wärmstens zu empfehlen. Man kann sich herrlich darin wiedererkennen (”Oh, das bin ja ich”), sich daran motivieren (”mein Gott, bin ich im Vergleich zu den LOBOs gut”) oder sich damit beruhigen (”Gott sei Dank, bin ich nicht der einzige” oder “Lieber Himmel, da sind ja welche noch schlimmer dran als ich”). Als Nicht-LOBO würde ich sagen, dass man noch gelassener in den Alltag geht.

Schieben Sie das Lesen dieses Buches nicht länger auf und nehmen Sie es nicht so ernst!

ISBN: 978-387134619-4 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de

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