Le Clézio, “Wüste”

Dieses Jahr ging der Literaturnobelpreis an Jean-Marie Gustave Le Clézio. Wie immer wollte ich auch diesen Autor schnellstmöglich kennenlernen. Die letzten Jahre war ich von den Texten der Preisträger sehr enttäuscht (etwa von den Elfriede Jelineks “Die Klavierspielerin”). Dieses Mal war ich sehr positiv überrascht. Das lag vielleicht auch daran, dass ich das Buch Wüste (Partnerlink) in einem für seine Lektüre idealen Moment (Ruhe) gelesen habe. Mit Büchern ist es da wie mit Wein: manchmal passen sie zum Moment und manchmal nicht. Wüste (Partnerlink) ist ein Buch, das man in Ruhe lesen muss, um die Stimmung vollständig erfassen zu können. Der Klappentext lautet lapidar:

In seinem poetischen Roman erzählt Le Clezio die Geschichte der jungen Marokkanerin Lalla, die am Rande der Wüste in enger Verbindung mit der Natur und den Legenden ihres Volkes aufgewachsen ist. Sie flieht nach Marseille, als sie mit einem ungeliebten Mann verheiratet werden soll, erkennt aber im Elend der Großstadt, dass sie ein Kind der Wüste ist.

Das ist eine Kurzbeschreibung der Handlung, sie deutet aber in keinster Weise auf die Sehnsucht und Traurigkeit hin, die dieses Buch beherrschen. Ich habe das Buch auf einer mehrstündigen Zugfahrt fast “in einem Zug” ausgelesen, so hat es mich gefesselt. Sogar diese Rezension schreibe ich noch im Zug.
Zu Beginn ist es die Poesie des Archaischen, die die Protagonisten in der Wüste umgibt und die beim Lesen fasziniert. Le Clézios ungemein angenehme Sprache (poetisch ist das passende Adjektiv) ist auf den ersten 200 Seiten am stärksten. Je näher die Handlung aus der Vergangenheit in die Moderne kommt, desto trauriger wird das Buch. Fast ist der Verlust des traditionellen Lebens greifbar. Alle alten Gesten, Mythen und Verhaltensmuster werden in Frage gestellt und verschwinden; Lalla ist alleine mit sich und dem Echo ihrer Vergangenheit. Auch als sie als Fotomodell in Marseille bekannt wird, hadert sie mit dem Schritt in ein neues Leben, ja sie versucht nicht einmal, sich ihm anzunähern. Ihre Welt bleibt die Wüste, zu der sie zurückkehrt und dort ihr Kind zur Welt bringt.

Man ist traurig nach der Lektüre. Jede Zeile ist authentisch. Man hat mitgefühlt. Kein Zweifel, Le Clezio ist ein würdiger Preisträger.

ISBN: 978-346204121-7 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de

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