Kracht, “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten”
Nachdem ich die Lesung mit Christian Kracht in Karlsruhe verpasst hatte, habe ich das folgende Buch spontan in meiner mittlerweile bevorzugten Karlsruher Buchhandlung, der Stephanus Buchhandlung, gekauft – inkl. einer originalen Unterschrift des Autors!
Wer gerne Science Fiction liest, ist wahrscheinlich auch ein Freund von Universen voller Geschichten und Ideen, die sich unerzählt rund um eine SF-Geschichte ranken. Alleine schon das Bewusstsein, dass Dinge unerzählt bleiben, und all das Nicht-Gesagte beflügeln den Science Fiction Leser. So ähnlich ging es mir mit Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (Partnerlink) Christian Kracht (Wikipedia)..
Wir befinden uns im Heute. Die Schweiz ist Sowjetrepublik und führt Krieg gegen das faschistische Deutschland. Afrika wurde von der Schweiz kolonialisiert und wird als Söldnerquelle genutzt: dort bildet man junge Soldaten aus, die dann in der Schweiz kämpfen müssen. Ein solcher afrikanischer Offizier ist der Protagonist dieses Buches.
Es ist weniger die Handlung des Buches, die betört, sondern eher die Stimmung und eben all das Unerzählte. Beim Lesen sucht man den Ausgang aus dieser Welt, die sich einem erschließt; einer Welt aus Krieg und Tod, aus Kälte und Rückständigkeit. Es gibt keine Hoffnung, es gibt nur das Chaos. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein: Deutsche Luftschiffe bombardieren das “Réduit”, eine Festung, die in ein Alpenmassiv gegraben wurde. Der Ich-Erzähler, der sog. “Kommissär” macht sich auf den Weg zu diesem “Réduit”, weil er jemanden verhaften muss. Er weiß noch nicht, dass er sich damit auf den Weg nach Afrika macht. Angekommen im “Réduit” findet er eine anarchische Struktur vor, bevölkert von Verrückten und Hoffnungslosen. Das stößt ihn ab und er flieht, wandert weiter, bis er in seiner Heimat ankommt.
Das Buch hat mehrere Lesearten: zum einen die Leseart der Handlung: Offener Anfang, offener Schluss, all die Andeutungen auf den Zustand der Welt und all das, was nicht erzählt wird. Ein Universum tut sich da auf und man fragt sich mehr als einmal “was ist wohl in XY los?”, “wie kam es zu NM?”.
Eine zweite Leseart ist die vom Untergang bzw. von der Rückbildung der Zivilisation. Diese Leseart hat mehrere Indikatoren. Einer davon ist die Geschichte des Ich-Erzählers. Er startet als anständiger und treuer Kommissär, der sich im Apparat eingerichtet hat. Als er seine Wanderung zum Réduit beginnt, entwickelt er sich rückwärts zu seinen Anfängen. Zuerst geht er über seinen Auftrag hinweg, indem er den Suchenden nicht verhaftet, nachdem er ihn gefunden hat. Dann flüchtet er komplett aus dem Land, dem er dient. Nach und nach ändert er nicht nur seine Gesinnung, sondern legt mit seinem bisherigen Leben auch seine Kleidung ab und erreicht statt mit Uniform seine Heimat in alten Hosen und barfuß. Ein zweiter Indikator ist das “mehrere tausend Meter lange” Relief im Réduit, das die Geschicht der Schweiz erzählt. Anfangs noch klar und aufwendig gestaltet, verschwimmt es, je näher es an das Heute kommt. Gegen Ende wird es als nahezu abstrakt und unfertig ausgeführt beschrieben. Dekandenz. Verfall. Die Zivilisation hört auf zu existieren.
Nach dem Lesen Buches ist man verblüfft:man mag das Buch, ist aber verstört. Ein “Aber, …” liegt einem auf der Zunge, man spricht es aber nicht aus. Die Endzeitstimmung ist surreal, das Erzählte allemal. Man fängt an nachzudenken und weiß noch nicht genau worüber. Das Buch hat einen gefangen.
Wer den Trailer zum Buch sehen möchte, wird bei YouTube fündig:
ISBN: 978-346204041-8 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de
