Taleb, “Der Schwarze Schwan”
In der FAZ las ich vor einiger Zeit ein Interview mit Nassim Nicholas Taleb (Homepage) und war begeistert. Nun habe ich sein Buch Der schwarze Schwan- Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse (Partnerlink) gelesen und war wieder begeistert. Taleb schreibt einen sehr aggressiven und emotionalen Stil, sehr ungewöhnlich für ein Sachbuch. Wer ihn in Aktion sehen möchte, dem sei dieses YouTube Video empfohlen. Dort erzählt er auch, welches Thema er seinem nächsten Buch behandeln möchte – es geht um Glaube und Atheisten. Doch jetzt zu Der schwarze Schwan: Lesen Sie dieses Buch! Selbst wenn Sie nicht allem glauben, was Taleb schreibt, oder nicht alles in diesen Extremen sehen, werden Sie durch die Ideen profitieren. Eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe.
Talebs Kernaussage: wir schätzen Risiken extrem falsch ein und verschaffen uns mit mathematischen Modellen eine Pseudosicherheit, die Zufälle ausblendet. Dabei sind Zufälle alle Ereignisse, die wir aufgrund ihrer Komplexität nicht verstehen. Da Taleb (Wikipedia) früher selbst Trader war und einige Erfahrungen im Börsenumfeld sammeln konnte, wettert er in erster Linie gegen Börsianer, Banker und die Wirtschaft im allgemeinen. Die Zufälle sind “Schwarze Schwäne”, seltene Ereignisse, die häufiger eintreten als wir glauben. Eines dieser unwahrscheinlichen Ereignisse ist die aktuelle Finanzkrise, die er im 2007 erschienenen Buch ab Kapitel 14, “Naive Globalisierung” (S. 275) korrekt voraussagt:
Die stärkere Konzentration bei den Banken scheint Finanzkrisen zwar unwahrscheinlicher zu machen, aber wenn sie doch eintreten, haben sie ein globales Ausmaß und treffen uns sehr hart. [...] Es wird weniger, aber schwerere Krisen geben.
Das Buch zeigt, wie wir uns selbst täuschen und wie das Leben von “narrativen” und “ludischen” Verzerrungen wimmelt – beides sprachliche Konstrukte und Denkfehler, die dem menschlichen Wesen entgegenkommen, für alles Erklärungen zu haben, die aber falsche Abkürzungen beim Denken schaffen und so zu den gravierenden Fehleinschätzungen für die Eintrittswahrscheinlichkeit “Schwarzer Schwäne” sind. Um uns vor diesen Verzerrungen zu schützen, empfiehlt er, keine Zeitungen oder Blogs zu lesen, und den Fernseher auf den Dachboden zu stellen.
Ein interessanter Aspekt stellen die Anregungen zum Ausnutzen der “positiven Schwarzen Schwäne” dar: die Serenpidität, also die Zahl der glücklichen Zufälle sollte maximiert werden, um einen für uns “positiven Schwarzen Schwan” möglich zu machen. Wann und ob er eintritt, kann man zwar nicht sagen (dann wäre es kein Schwarzer Schwan mehr), aber man kann ihn aktiv erwarten und “bereit sein”. Spontan fiel mir dazu die Mentalität beim Ausprobieren von Neuem in den USA ein und tatsächlich geht er darauf in seinem Buch ein: in den USA wird einfach mal ausprobiert und das in großem Stil. Wenn es dann mal schiefgeht ist das kein Problem, dann probiert man was Neues aus. Dadurch kommt es immer mal wieder zu “Scharzen Schwänen” wie Google oder FaceBook oder Micorsoft. Wichtig dabei: es ist viel Glück im Spiel, den Erfolg und das Eintreten der “Scharzen Schwäne” kann man nicht steuern:
Dass ich mich in Amerika sofort heimisch fühlte, liegt gerade daran, dass die dortige Kultur zum Prozess des Scheiterns ermutigt, im Gegensatz zu den Kulturen in Europa und Asien, wo Misserfolg gebrandmarkt wird und als peinlich gilt. Es ist die Spezialität von Amerika, diese kleinen Risiken für den Rest der Welt einzugehen; das erklärt den unverhältnismäßig großen Anteil dieses Landes an den Innovationen.
Taleb nimmt beim Schreiben nicht wirklich Rücksicht auf die Leser und so muss man permanent gedanklich dabei sein: wie einen Strich zieht er seine Gedanken durch, es wird kaum wiederholt oder vertieft: Entweder man versteht oder man versteht nicht. Das gilt für die Logikthemen als auch für die statistischen Themen im Buch, für seine selbstdefinierten Begrifflichkeiten wie “narrative Verzerrung” und “ludische Verzerrung” allemal.
Etwas nervig in dem Buch sind die vielen Klammern in den Sätzen. Das hätte ein Lektor sicher auch anders hingekriegt. Sie zeigen aber die Dynamik Talebs beim Denken, die auch in den Videos oben zum Ausdruck kommt.
ISBN: 978-344641568-3 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de
