Glavinic, “Die Arbeit der Nacht”

Über Die Arbeit der Nacht (Partnerlink) von Thomas Glavinic kann man geteilter Meinung sein.
Das Thema ist bekannt: Mensch wacht morgens auf und ist aus unerklärlichen Gründen plötzlich alleine auf der Welt. Dieser Ansatz wird schon in Großes Solo für Anton von Herbert Rosendorfer und in Die Wand von Marlen Haushofer beschrieben (wobei bei letzterer wenigstens noch Tiere leben und eine ominöse Wand den Planeten durchzieht).

In Glavinics Buch wacht der Held Jonas im leeren Wien auf und braucht erst einmal eine Zeit an der Haltestelle bis er merkt, dass etwas nicht stimmt. Er fängt an nach “Überlebenden” zu suchen, findet aber weder Menschen noch Tiere. Er ist alleine. Im Laufe des Buches wird er immer paranoider: er beginnt Kameras in der Stadt aufzustellen und filmt sich selbst während des Schlafens; er möchte sehen, ob jemand kommt, wenn er schläft. Vielleicht möchte er einfach auch nur irgendeinen anderen Menschen sehen, nämlich sich selbst. Die Kameras sind aber erst der Anfang und Jonas entwickelt immer mehr schizophrene Züge. Es passieren auch seltsame Dinge, von denen man manchmal nicht weiß, ob sie geträumt oder erlebt sind: wie etwa das Messer, das eines morgens bis zum Schaft in der Wand sticht. Er tourt durch Europa und durchquert den Ärmelkanal im Dunkeln. Letzten Endes erreicht er nach Liverpool, wo den Koffer und die Kleider seiner Freundin Marie findet und damit Gewissheit erlangt, dass auch sie verschwunden ist. Zurück mit dem Koffer in Wien, … weiter erzähle ich nicht, damit das Buch nicht langweilig wird.
Das ist nämlich einer der großen Punkte: man ahnt schon wie das Buch ausgeht, man weiß es aber nicht. Und daher bleibt es spannend. Das Buch hat Längen und ist undurchsichtig. Das ist auch der Grund sein, warum man geteilter Meinung zu dem Buch sein kann. Mir hat es aber spontan besser gefallen als Die Wand von Marlen Haushofer. Die völlige Abwesenheit aller Lebewesen, die zu Interaktion in der Lage sind, treibt Jonas in den Wahnsinn. Seine Fragen zu seinem Leben bleiben unbeantwortet, er wird auf sich selbst zurückgeworfen und kommt damit nicht klar. Hilflos treibt er einem Ende zu – er versucht erst gar nicht das Beste aus seiner Situation zu machen, sondern verfällt hektisch in Aktivismus und chaotische Hilflosigkeit. Das teils wirre Buch bzw. die teils wirren Handlungen des Protagonisten spiegeln den Wahnsinn wieder. Man kann das Buch an vielen Stellen querlesen ohne Inhalt zu verpassen, das macht es etwas langatmig. Die 400 Seiten wären zu 300 Seiten komprimiert spannender gewesen.

Das Buch hat eine eigene Homepage, auf der es weitere Infos zum Buch gibt: http://www.die-arbeit-der-nacht.de/. Neben einer Leseprobe gibt es dort auch eine Liste von Tätigkeiten, die Leser an Stelle von Jonas getan hätten …

ISBN: 978-342313694-5 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de

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