Einmal Papier und zurück

Jan Tißler fragt sich im UPLOAD Magazin Wie viel bedrucktes Papier können sich Zeitungen noch leisten?. Er wähnt sich der “digitalen Avantgarde” zugehörig, die sich digital mit Informationen versorgt und die gedruckte Zeitungen nicht wirklich braucht. Seine Argumente sind nachvollziehbar und ich kann ihm nur zustimmen, aber wenn er regelmäßig eine gedruckte Zeitung lesen würde, würde er vielleicht auch Vorteile entdecken, wie etwa die Möglichkeit, viele Artikel auf einer Seite schnell mit dem Auge zu scannen – ohne Scrollen, Strom und Stecker. Und dass das Argument der Haptik nicht stichhaltig ist, halte ich nicht für stichhaltig.
Die digitale Postavantgarde ist schon einen Schritt weiter: nachdem man alles digitalisiert hat, bietet man nun lieber noch die gedruckte Version (auf Papier!) an; und das trotz der Kostenvorteile des Digitalen, trotz der Durchsuchbarkeit, trotz der Verlinkbarkeit. So bietet etwa der Pressekatalog neuerdings Print-On-Demand für ausländische Zeitungen an:

“Ihre bestellte Zeitung wird extra für Sie in der Nacht vor dem Erscheinungsdatum in Deutschland ausgedruckt (Titelseite und Seite 2 farbig, danach schwarzweiß, Format A3). Bis zur Druckstation in Deutschland erfolgt der Transport Ihrer Zeitung ausschließlich digital um größtmögliche Aktualität zu gewährleisten. [...] Die Übergabe an die Deutsche Post erfolgt noch am Erscheinungstag, so dass Ihre Zeitung in der Regel am darauf folgenden Werktag bei Ihnen ist.”

Wie golem.de und heise.de berichten, gibt es nun den Dienst von pediapress, über den man sich Inhalte aus der Wikipedia selbst zusammenstellen und in einem Buch drucken lassen kann:

Gedruckte Bücher aus Wiki-Inhalten – Kombinieren Sie die Vorteile aktuellen und detaillierten Wissens mit dem Komfort eines gedruckten Buches. Basierend auf Ihrer persönlichen Artikelauswahl werden die Bücher „on demand‟ gesetzt und gedruckt.

Dieter Petereit berichtet außerdem im DrWeb Blog im Artikel Studie: Traditionelle Mediennutzung stabil, neue Medien bauen Nutzungsanteile aus, dass es noch Hoffnung für die traditionellen Medien (Papier!) gibt; er schreibt: “Die regionale Zeitung ist damit definitiv nicht nachhaltig auf dem absteigenden Ast.”, allerdings aber auch nur eine unter vielen Informationsquellen.
Letzten Endes wird die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Miriam Meckel hat es in Ihrem Artikel Zukunft der Zeitung – Das epische Medium bereits gesagt:

Online und offline müssen sich unterscheiden. Beide haben das Recht, neben- und miteinander zu existieren. Beide sind in ihrer Unterschiedlichkeit und Komplementarität ein Gewinn für den Journalismus, die Vielfalt, die Nutzer.

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7 Kommentare zu “Einmal Papier und zurück”

  1. Jan

    Vielen Dank für den Link und die interessante Replik! Tatsächlich denke ich auch, dass es für gedruckte Informationen handfeste Gründe geben kann jenseits des Haptik-Arguments.

    Und was Zeitungen angeht: Meine Journalisten-Laufbahn begann ja vor fast 15 Jahren genau bei einer solchen. Ich glaube aber zum Beispiel, dass das Argument der besseren Übersicht keine große Rolle mehr spielt, sobald ich maßgeschneiderte Informationen bekomme – und darauf wird es ja zumindest teilweise hinauslaufen. Zudem sollte man bedenken, dass wir in Sachen Internet noch immer am Anfang stehen, gerade auch wenn es um die beste Darstellung von Inhalten geht.

    Aber wie gesagt: Ich bin keiner, der den endgültigen Untergang von Print vorhersagt. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass es auch in zehn oder zwanzig Jahren noch diese Bedeutung wie heute hat.

  2. Christian

    Hallo Jan,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Wie gesagt stimme ich den meisten deiner Argumente zu, aber gerade diese Übersicht hat einen großen Vorteil gegenüber maßgeschneiderter Information: sie diktiert nicht. Maßgeschneiderte Informationen sind eng gefasst – eben maßgeschneidert. Ich empfinde das zwar als effizient, aber nicht als kreativ. Ich möchte nicht so weit gehen, das als einen der Hauptvorteile zu sehen, aber es gibt eine Analogie, die in ein ähnliches Horn stößt: Kataloge. Wenn ich im Web z.B. ein Buch suche, dann sehe ich ähnliche Bücher bei amazon. Ich sehe aber nicht “unähnliche” Bücher, die mir trotzdem gefallen würden. Da fände ich einen überdimensionierten Bildschirm, auf dem man schnell Cover und Stichworte mit dem Auge überfliegen kann, viel schöner.
    Ich weiß nicht, wie oft ich schon ein interessantes Buch beim Überfliegen der Regale im Buchladen oder einen interessanten Artikel in einer Zeitung gefunden habe, ohne dass ich danach gesucht habe. Einfach, weil ich drüber gestolpert bin. Diese Eigenschaft ist quasi ein USP der Zeitung, speziell einer guten Zeitung.

    Als Technikfreund (Entwicklungsleiter Software) freue ich mich schon über E-Books und die entsprechenden Reader. RSS Feeds gehören zum täglich Brot für effiziente Informationsbeschaffung. Aber nichts macht mir so viel Spaß wie das Überfliegen der FAZ am Morgen in Bahn auf dem kurzen Weg zur Arbeit. Ich weiß nicht, was kommt, aber dass was Interessantes kommt ist sicher. Und das kann man dann durch Überfliegen schnell finden.

    Wenn man es schaffen würde, die Idee des Katalogs (beim Buchkauf) oder des “Ich finde was Interessantes, was ich nicht explizit gesucht habe” qualitativ hochwertig ins Netz zu bekommen, dann … du hast recht, bei dem Thema stehen wir in Sachen Internet noch am Anfang.

    In zehn Jahren wird die Welt sowieso wieder anders aussehen, das stimmt. Vielleicht ist dann sogar Google nur noch eine kleine Nummer: http://www.alleyinsider.com/2009/2/google-next-victim-of-creative-destruction-goog

  3. Jan

    Für das zufällige Finden von Informationen und Tipps funktionieren bei mir solche Dienste wie Twitter oder FriendFeed wunderbar. Ich denke, dass sich etwas in dieser Art noch so weiterentwickeln wird, dass es auch für den “normalen” Internetnutzer interessant wird.

  4. Christian

    Nun ja, das stimmt. Aber es beruhigt mich, dass mein analoger Anachronismus kein Einzelfall ist: http://blog.kooptech.de/2009/02/mein-verzicht-aufs-zeitungsabo/
    Link bei dir gefunden :-)

  5. Jan

    Ich bin bekannt für den Spruch: “Print ist im Kommen!” Das sage ich jetzt seit zehn Jahren oder so. Irgendwann stimmt er – garantiert ;-)

  6. LeserEins » Blog Archive » Gebrauchtes, Neues und Nichts

    [...] Schulzki-Haddouti über Ihre Erfahrungen, ob Sie ohne Tageszeitung auskommen kann. Es geht ihr wie mir: Aber: Ich hatte das immer stärkere, zunächst kaum erklärbare Gefühl, allein durch das [...]

  7. LeserEins » Blog Archive » Zeitungen, Bücher und Mosaike

    [...] an die Übersichtlichkeit, die ich bei einer gedruckten Zeitung so schätze und über die ich in Einmal Papier und zurück mit Jan diskutiert [...]

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