Werner, “Einkommen für alle”
Zum einen liegt die DM Zentrale nicht weit weg von meiner Wohnung, zum anderen habe ich mich schon immer gefragt, wie ein Grundeinkommen funktionieren soll. Beides motivierte mich zur Lektüre von Einkommen für alle (Partnerlink) von Götz W. Werner, dem Gründer der DM Drogeriemarkt Kette.
Wer hier präzise Berechnungen und Kalkulationen zur Umsetzung erwartet, wird enttäuscht werden. Das Buch ist eher eine philosophische Motivation für ein Grundeinkommen. Die Kernthesen lassen sich in zwei Punkten zusammenfassen:
- Grundeinkommen ist quasi ein Grundrecht, begründet durch die Freiheit des Menschen
- Die Finanzierung eines Grundeinkommens kann nur auf einer Konsumsteuer basieren
Werner selbst fasst die Motivation zum Schreiben des Buches wie folgt zusammen:
Sie sollen am Ende der Lektüre der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht zujubeln. Es genügt, wenn Sie sich fragen, was Sie selbst unter dieser Voraussetzung anders machen würden. Und ob vielleicht bestimmte Dinge in ihrem Leben und in der Gesellschaft mit einem Grundeinkommen nicht besser zu lösen wären.
Leider steht der Satz am Ende des Buches und man würde ihn sich am Anfang wünschen. Werner beschreibt, warum ein Grundeinkommen erst die als Grundrecht verankerte Freiheit des Menschen ermöglicht. Er gibt einen kurzen Abriss über die Historie vom Selbst- zum Fremdversorger und erläutert, warum nie wieder alle eine Arbeit haben werden. Kapitel 3 berichtet von der Firmenkultur bei DM – was es mit dem Thema Grundeinkommen zu tun hat, ist nicht ganz klar ersichtlich. Auch auf die Finanzierung und die Einführung eines Grundeinkommens wird eingegangen, aber nur an der Oberfläche. Die Details werden ausgespart. Mit Zahlen geizt Werner etwa, weil er damit wohl schlechte Erfahrungen gemacht hat: da sie nicht aus einem großen Modell stammen, sondern dem gesunden Menschenverstand entspringen, werden sie ihm von Kritikern gleich um die Ohren geschlagen.
Etwas schwach finde ich die Einbettung der Idee in einen globalen Kontext. Das Wort “Globalisierung” kommt mir viel zu selten vor und die meisten Ideen scheinen aus meiner Perspektive etwas zu national gedacht. So wird etwa die fallende Zahl verfügbarer Arbeitsplätze (”Einkommensplätze”) alleine auf Produktivitätsgewinne zurückgeführt. Dass eine Produktion im Ausland manchmal einfach billiger ist und daher aus Deutschland verlagert wird, spielt im Buch kaum bzw. keine Rolle – oder ist das eine Produktivitätssteigerung? Weitere Fragen, die bei der Lektüre auftauchen und offen bleiben:
- Kann jemandem ein Grundeinkommen aberkannt werden? Was ist, wenn sich jemand extrem verschuldet und dann einfach nichts zurückzahlt? Wird dann auch sein Grundeinkommen gepfändet oder ist das unantastbar? Wenn unantastbar, warum sollte es dann jemand nicht tun? Da das System von Menschen getragen wird, ist davon auszugehen, dass so etwas vorkommt. Und da gibt es sicher weitere Beispiele
- Wie soll eine Bewusstseinsänderung bei einer kritischen Masse von Leuten erreicht werden? Brauchen wir dafür eine Revolution nach einem noch größeren Crash der Wirtschaft als dem jetzigen? Wie soll diese Bewusstseinsänderung global funktionieren? Oder führen wir das Grundeinkommen nur in Deutschland ein? Was ist dann mit den Einwanderern? Oder ist das Grundeinkommen dann nicht mehr bedingungsloa?
- Macht die Finanzkrise der Idee nicht einen Strichdurch die Rechnung? Wie soll man all die Staatsschulden abbauen, wenn man das Steuersystem wie vorgeschlagen umbaut?
- Wenn wir in der Endstufe extrem hohe Konsumsteuern haben, ein anderer Staat aber nicht, kaufen wir dann im Ausland? Beschleunigt das nicht das Problem wegfallender Arbeitsplätze? Oder erheben wir Einfuhrzölle? Führt das zu Protektionismus?
Ich könnte die Liste noch erweitern. Vielleicht muss mal jemand nach dieser philosophischen Motivation konkreter werden und auch Detailprobleme andiskutieren, damit die Idee fassbarer wird.
Werners Argumentation ist klar und hat einen deutlichen roten Faden. Man folgt ihr gerne. Allerdings war ich nach der Lektüre nicht überzeugt und kann nur seinem Ratschlag folgen und mich fragen, was ich mit einem bedingungslosen Grundeinkommen tun würde bzw. was ich in meinem Leben ändern würde. Lesen Sie das Buch. Auch wenn Sie nicht von der überzeugt sind, werden Sie die Welt mit etwas anderen Augen sehen.
Unter www.waswuerdensietun.de können Sie Ihren Beitrag dazu hinterlassen, was Sie tun würden, wenn es ein Grundeinkommen gäbe. Eine “Online-Petition an den deutschen Bundestag: Bedingungsloses Grundeinkommen” kann man unter unternimm-die-zukunft.de nachlesen. Zudem gibt es ein Interview mit Götz Werner in BrandEins. Meudalismus Irrwege kritisiert die Initiative Werners scharf: “Das bedingungslose, konsumsteuer-finanzierte Grundeinkommen, wie es u. a. Götz W. Werner mit viel finanzieller Macht voran treibt (s. http://www.meudalismus.dr-wo.de/html/stundenloehne2005.htm, Rang 65), ist eine heimtückische Falle für unsere Volkswirtschaft. Es lockt die breite, seit Jahrzehnten der Armut verfallenden Bevölkerung wie der Gesang der Sirenen.”
Das Buch polarisiert. Lesen!
ISBN: 978-340460607-8 (Partnerlink)

am 27. Dezember 2009 um 20:18 Uhr.
[...] Buchbesprechung von “Einkommen für alle” auf LeserEins.de [...]