Ursache, Wirkung und Prävention
In der FAZ vom Samstag lese ich im Feuilleton den Artikel Der Wahn totaler Prävention von Patrick Bahners (Wikipedia), einen der besten Artikel der letzten Tage zum Amoklauf in Winnenden . Bahners (FAZ) macht deutlich, dass Analysen zu Ursachen sofort in Ansatzpunkte für eine zukünftige Prävention münden und dass dieses Vorgehen in einen technokratischen Kontrollwahn mündet. Zusätzlich suchen die Analysten nicht nach den individuellen Ursachen des Falls, sondern fahnden sofort nach den Globalhintergründen, um anschließend damit Globalprävention betreiben zu können. Analyse und Aufarbeitung der Hintergründe des Falls sind unabdingbar, sollten aber nicht verallgemeinert werden.
Natürlich hat die Gesellschaft in Form von Familie, Freunden und Lehrern eine Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen. Aber wie schreibt Bahners treffend:
Die Gesellschaft kann nicht verhindern, dass ein Mensch sich an der Welt rächt, von der er sich gedemütigt glaubt.
In “Medien-Terror in Winnenden: Die Sensationskarawane zieht weiter” (via written in basic) werden die Abgründe der Sensationsmaschinerie geschildert: Dutzende Medienvertreter und Sensationstouristen haben den Ort unmittelbar nach der Tat belagert. Es wird die Frage gestellt, ob man wirklich tagelang auf dem Thema herumreiten muss und alle Details bis in alle Deutlichkeit und bis zur Abstumpfung der Medienaufmerksamkeit ausbreiten muss? Interessant ist auch die Frage danach, was nicht thematisiert und berichtet wird:
Auch das mangelnde Waffengesetz wird thematisiert, nicht aber, warum der Vater eines geistig kranken Jungen, der in der Psychiatrie in Behandlung ist, zu Hause seine Waffen offen herumliegen lässt.
Und es wird auch nicht thematisiert, dass es hier jetzt 15 Familien gibt, bei der jeweils seit Mittwoch ein Mensch weniger am Tisch sitzt. Zum Beispiel bei dem frisch verheirateten Polizisten, der einer der ersten am Tatort war und seine eigene Frau, eine junge Lehrerin, dort tot vorfand. Es wird nicht darüber berichtet, wie in den Parks und rund um die Kleinstadt Menschen in DRK-Montur herumirren. Mit immer noch fassungslosen, leeren Gesichtern. Solchen, die die Kameras doch so gerne einfangen
Zudem wird der Amoklauf als Das erste Twitter-Ereignis in Deutschland hochstilisiert, nur weil http://twitter.com/tontaube/ als erste was dazu microbloggte. Von einem Twitter-Missbrauch ist fast schon zu sprechen, wenn man sich das Amok Twittern von @FOCUSlive anschaut. Der Focus hatte sich laut Stefan Niggemeier mal eben den Benutzernamen @amoklauf reserviert und twitterte dort. Den Account gibt es aktuell nicht mehr. Der ganze Medienirrsinn rund um das Ereignis wird im Artikel Amok twittern offengelegt.

am 16. März 2009 um 08:29 Uhr.
DJV kritisiert Art der Amoklauf-Berichterstattung auf Twitter
http://www.heise.de/newsticker/DJV-kritisiert-Art-der-Amoklauf-Berichterstattung-auf-Twitter–/meldung/134566