Friebe, Ramge, “Marke Eigenbau”

In der Abteilung Wirtschaftsbücher bin ich mehrfach an dem Buch Marke Eigenbau: Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion (Partnerlink) von Holm Friebe und Thomas Ramge vorbeigelaufen und fragte mich jedes Mal, ob es das letzte Mal nicht einen anderen Buchdeckel hatte: es hatte! Jeder Buchdeckel mit dem Titel ist ein Unikat, erstellt mit einer Schablone, die sich umgeklappt innen im Buch befindet. Sie steht exemplarisch für das Thema das Buches: Eigenbau. Obwohl mir der Untertitel “Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion” etwas zu pathetisch klingt, ist es eines der kurzweiligsten und inspirierendsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe. Das liegt zum einen am mitreißenden Schreibstil der Autoren, zum anderen am Thema und den Möglichkeiten, die sich plötzlich auftun.
Das Buch geht auf das innere Widerstreben ein, das man spürt, wenn man den Satz hört, dass Marken die Leute dazu bringen sollen “Dinge zu kaufen, von denen sie noch nicht wissen, dass sie sie brauchen”. Markenartikel und Massenartikel sind ein eher “gemachte” Produkte. Die “Eigenbau”-Revolutionäre verschließen sich diesen künstlich produzierten Geschichten und Auren, sie konstruieren sich ihre Produkte selbst oder kaufen selbst produzierte. Sie legen Wert auf den Charakter der Produkte, die Geschichte hinter dem Ding, auf Transparenz. Direkt einher gehen die Themen Nachhaltigkeit und Gesundheit, die in dieser Gemeinschaft eine große Rolle zu spielen scheinen.
Bei fast allen im Buch beschriebenen Geschäften geht es meist um C2C (Consumer to Consumer) Geschäfte, d.h. Geschäftskunden sind selten involviert. Private Produzenten verkaufen privaten Endkunden ihre eigenen Erzeugnisse. Interessanterweise versuchen aber auch Firmen wie Spreadshirt.com Dienstleistungen anzubieten, die die Individualisierung – in diesem Fall den “Eigenbau von T-Shirts” – erlauben. Der Verkauf der T-Shirts erfolgt hier im Bereich B2C, wobei der Geschäftskunde individuell nach den Bedürfnissen des Kunden produziert – oder gar nicht. Das ist die zweite große Schiene der Geschäfte im “Eigenbau Universum”.
Die im Buch beschriebenen Verkaufsmöglichkeiten sind Nischen. So proben angeblich die Massen den Aufstand, aber ohne Masse gibt es keine kritische Menge an Menschen, die den Long Tail und damit die Nischen mit einer genügend großen Nachfrage versehen. Im C2C Umfeld mag das egal sein, aber sobald man seinen Lebensunterhalt auf die “Marke Eigenbau” setzt, braucht es eine kritische Masse an Nachfragern, um die Produktion soweit am Leben zu halten, dass es sich lohnt. Das ist dann zwar keine Produktion in Masse, aber für die Masse, von der man hofft, dass sie Kunden enthält. Wäre die Masse nicht vorhanden, wäre die Wahrscheinlichkeit für die Existenz eines Kunden, der die Nische sucht, die man selbst bedient, sehr gering.

Warum inspiriert das Buch? Schauen Sie sich z.B. dawanda.de an. Auf diesem Marktplatz verkaufen Privatleute selbstgebaute / gebastelte / produzierte Artikel. Stöbern Sie durch die Produktauswahl. Denken Sie nicht auch an der ein oder anderen Stelle: das hätte ich auch gekonnt? Oder: das hätte ich besser gemacht? Oder: da könnte ich doch noch …? Na also. Das ist es, was ich meine. Jeder hat ein Talent, mit dem er Dinge erzeugen kann, die dem Kriterium “Eigenbau” genügen und für die sich in einer kleinen Nische vielleicht ein Käufer findet. Das Buch beschreibt die Hintergründe der Bewegung, die Erfolge und Geschichten hinter dem Trend. Es macht deutlich, was bisher schon da war, aber in dieser Form nicht sichtbar, nämlich dass die Summe all dieser Nischen das eigentlich Großartige ist. Das Web 2.0 , das sog. “Mitmachweb”, wo jeder nicht nur Konsument, sondern auch Produzent ist, ist die digitale Ausprägung der “Marke Eigenbau” Bewegung, die sich zusehends auch im nicht-digitalen Leben ihren Platz erobert. Die Prosumer von heute gehen einen neuen Weg, sie tun einfach. Und die kleinen Bewegungen all dieser einzelnen Leute summieren sich zu einem großen Ganzen: das ist die Revolution, die die Autoren im Untertitel erwähnen. Diese Revolution hat weder einen Kopf noch ein explizites Manifest noch eine vorgegebene Richtung. Gerade diese Offenheit macht sie so spannend. Und diese Spannung trägt das Buch brillant weiter.

Die Nachteile des “Eigenbaus” liegen auf der Hand, sind im Buch aber nur ein Randthema: a) die Nischen sind oft so klein, dass man nicht davon leben kann, die eigenen Produkte zu verkaufen. b)  “Eigenbau” kostet Zeit; wenn man die nicht hat oder anders investieren möchte, dann baut man nicht selbst, sondern kauft. c) Im Buch wird das Thema “Eigenbau” oft mit dem Thema “Individualisierung” in Verbindung gesetzt, so dass man fast meint, die beiden Begriffe seien synonym. Auch ohne Eigenbau kann man individuell sein.

Basteln ist mir immer schon sympathisch gewesen und dieses Buch singt ein Loblied auf das eigene Basteln. Es ist frappierend wieviele Dinge aus dem eigenen Alltag auftauchen, die zum Thema “Eigenbau” passen: die an andere Stelle beschriebene Cicero Aktion ist zwar in Masse produziert, aber sehr individuell; Skinning/Theming von Software etwa des zukünftigen Firefox gehört in diese Kategorie; aber auch Elterninitiativen, die eine Kita betreiben, gehören ganz ohne digitale Shops auch zu den Teilnehmern der Revolution “Eigenbau”.

Hier noch eine Auswahl von Webseiten, die im Buch erwähnt wurden, und die das Thema des Buches gut transportieren:

Nich im Buch erwähnt, aber passend zum Thema ist das Repair Manifesto.

Wenn Sie ein pragmatischer Mensch sind, der nach neuen Anregungen und Ideen sucht, dann lesen Sie dieses Buch. Es ist ein wahrer Anregungsgenerator – das eigene Lesen macht ihn natürlich zu einem Generator der “Marke Eigenbau”.

ISBN: 978-3593386751 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de

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3 Kommentare zu “Friebe, Ramge, “Marke Eigenbau””

  1. Christian

    noch eine Variante der “Marke Eigenbau”: http://www.foodcoop-karlsruhe.de/foodcoop.html

  2. Notizbuchblog.de » Blog Archive » Geniale Idee: re-cover.de

    [...] bin ich über die Seite re-cover.de gestolpert, ein Paradebeispiel für ein Projekt der Marke Eigenbau. re-cover recycelt T-Shirts und macht daraus Einbände für Notizbücher. Als Notizbuchfan bin ich [...]

  3. Christian

    http://bausteln.de/

    bausteln.de – die Demokratisierung des Produktionswissens

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