Literatur an Karlsruher Betonwänden

Wer aufmerksam den Weg von der Günther-Klotz-Anlage an der Alb entlang flussabwärts läuft, findet hinter der Unterführung unter der Südtangente folgenden Spruch an einen Brückpfeiler gesprayt:

Jospeh von Eichendorff - Frühlingsmarsch

Man fragt sich, wie der Spruch dahinkam, da in der Alb kein fester Stand auf diese Höhe möglich ist und von oben auch schlecht beizukommen ist. Die Position des Bildes ist ca. 49.236165 N und 6.997453 O (Mitte des Bildes, ungefähr, wo die “4″ ist) – falls jemand mit seinem GPS Gerät hinfinden möchte.

Die Wort sind der Anfang des Gedichtes Frühlingsmarsch von Joseph von Eichendorff. Der Anfang lautet:

Hoch über euren Sorgen
Sah ich vom Berg ins Land
Voll tausend guter Morgen,
Die Welt in Blüten stand.

Was zagt ihr träg und blöde?
Was schön ist, wird doch dein!
Die Welt tut nur so spröde
Und will erobert sein.

Das Gedicht entstand um 1813/14 (Erstdruck 1837 ?, s. auch
Die Zeit: Dichters Zauberworte) in der Zeit der Befreiungskriege, an denen von Eichendorff teilnahm. In diesem Kontext sind auch die weiteren Strophen des Gedichtes zu sehen, die auf der Wand nicht angeschrieben stehen:

Laßt die Trompeten laden,
Durchs Land die Trommeln gehn,
Es wimmeln Kameraden,
Wo rechte Banner wehn.

Wir ziehn durch die Provinzen,
Da funkelt manches Schloß,
Schön Lieb’, hol dich vom Zwinger
Und schwing’ dich mit aufs Roß!

Und wenn das Blühen endet:
Noch taumelnd sprengen wir,
Vom Abendrot geblendet,
Ins letzte Nachtquartier.

Von Eichendorff war ein Freund des Frühlings, denn er hat einige “Frühlingsgedichte” geschrieben: “Frühling”, “Frühlingsahnen”, “Frühlingsandacht”, “Frühlingsdämmerung”, “Frühlingsgruß”, “Frühlingsklage”, “Frühlingsmarsch”, “Frühlingsnacht” und “Frühlingsnetz”. Viele seiner Gedichte findet man bei zeno.org.
Wer das Gedicht an der Alb gesprayt hat, weiß ich nicht, aber ein kleiner Text links unten in der Ecke gibt einen Hinweis. Hier eine Vergrößerung:

Jospeh von Eichendorff - Frühlingsmarsch

MAGMA ist eine Karlsruher Designagentur “mit den Schwerpunkten Corporate und Brand Design”. Doch was hat diese Agentur damit zu tun? Meine Vermutung: Möglicherweise ist es eine Marketingaktion für die Schriftart, die für den Spruch verwendet wird, denn MAGMA verkauft solche Schriftarten unter volcano-type.de. Die Schriftarten und Preise sind öffentlich und dort meine ich auch die entsprechende Schrift gefunden zu haben: Fraktendon. Nette Idee für eine Werbekampagne. Was man da wohl bei der Stadt beantragen muss, um dafür eine Erlaubnis zu bekommen? MAGMA betreibt übrigens auch das Blog “Slanted”, eine Art Web-Magazin für Schriftarten (”Typo Weblog und Magazin”).

Vor allem die zweite Strophe passt auf die Position des Gedichtteils, der auch in folgendem Bild deutlich wird. Unter drei Ebenen von Straßen direkt an der Alb unter einer Brücke: “Die Welt tut nur so spröde / Und will erobert sein”. Das ist in diesem Fall gelungen. Sehr schön, wenn man so etwas im Stadtbild entdecken kann, gerade dann, wenn der ansonsten sehr grüne und schöne Weg entlang der Alb an seiner urbansten Stelle derart aufgefrischt wird. “Da zagt” man gern mal “träg und blöde”.

Jospeh von Eichendorff - Frühlingsmarsch

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