Friebe, Lobo, “Wir nennen es Arbeit”

Man erwarte eine Utopie und gehe mit dem Bewusstsein ans Lesen, dass das meiste nix für einen selbst ist – dann wird einem das Buch Wir nennen es Arbeit (Partnerlink), Untertitel: “Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung” von Holm Friebe und Sascha Lobo einige neue Ansichten bieten. Nach Marke Eigenbau und Dinge geregelt kriegen war es Zeit für das dritte Buch aus dem Dunstkreis von Friebe und Lobo, zumal der provokante Untertitel Spannung versprach.
Das Buch macht großen Spaß, ich kann es nicht anders ausdrücken. Es macht Spaß in den arbeitsromantischen Vorstellungen der digitalen Bohème zu versinken und sich in das Leben von Menschen einzudenken, die, ganz Individualisten, mehr oder weniger tun und lassen, was sie wollen. Mit dem Laptop im Café sitzend arbeiten sie über WLAN verbunden im großen weiten Internet und sind Vorreiter und Vordenker, die die Großstadt als Kreativitätskatalysator nutzen. Soweit die schöne Welt.
Auf den Boden der Tatsachen kommt diese “Elite” aber schnell, wenn es um den Erfolg und die finanzielle Situation geht. Die meisten leben in einer finanziell prekären Situation und der Broterwerb ist mühsam. Zum einen verachten sie den Mainstream und den Erfolg, auf der anderen Seite sind die darauf angewiesen, um sich halbwegs über Wasser zu halten. Den wenigsten gelingt es, finanziell abgesichert zu sein. Zudem ist das Lebensmodell des digitalen Bohèmien nur etwas für gut ausgebildete und Internet-afine Menschen, die mit neuen Medien, Technologien und Trends gerne spielerisch und experimentierend umgehen – alle anderen haben sowieso keine Chance, dazuzugehören.
Das Buch ist eine Fundgrube an Ideen und Anekdoten, es enthält einige bekannte Dinge und einige neue Überlegungen, wie etwa, dass die “Welt nicht flach ist” (wie im Buch Die Welt ist flach behauptet), sondern “spiky”, also spitz, d.h. dass sich die Kreativität an gewissen Orten sammelt. Daher auch die Erkenntnis, dass es nicht egal ist, wo man arbeitet: “Place does matter”. Es braucht einfach eine kritische Masse an Leuten, die eine Bohèmisphäre bilden, in der man sich gegenseitig bewundern und helfen kann.
Wie erwähnt glaube ich, dass dieses Buch eine Utopie ist, nicht eine Bestandsaufnahme. Es ist eine Utopie für eine Minderheit und muss es auch bleiben, denn wenn der digitale Bohèmien eine Lebensform für die Mehrheit wird, dann wäre das ja Mainstream und die Bohèmiens würden wieder den Weg in den Individualismus mit einem Gegenentwurf suchen. Gerade dieses – in meinen Augen im Buch unausgesprochene – Paradox führt zu den tendenziell negativen Äußerungen über “die Mittelschicht”, “Arbeitgeber” und “Arbeitnehmer”, die “normale Festanstellung”, die finanzielle Sicherheit, etc. . Das hätte man sich sparen können, zumal der Mainstream heute noch die sozialen Sicherungssysteme trägt, die die  Bohèmiens, soweit ich das verstanden habe, häufiger mal in Anspruch nehmen.

Wir nennen es Arbeit (Partnerlink) ist uneingeschränkt zu empfehlen – es erweitert den Horizont, motiviert und inspiriert. Man darf nur nicht den Fehler machen, die beschrieben Welt als beste aller Welten zu betrachten. Es ist eine unter vielen. Sie kann die eigene Welt bereichern.

ISBN: 978-345360056-0 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de

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