Weimer, “Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit”

Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit – Warum die Krise uns konservativ macht (Partnerlink) von Wolfram Weimer (Homepage), dem Chefredakteur von Cicero – Magazin für politische Kultur ist ein Buch, das Mut macht. Worin dieser Mut besteht, ist schwer auszumachen, vielleicht einfach nur darin, dass hier jemand deutlich Stellung bezieht und in einer Welt aus Metatoleranz nicht alles als wahr akzeptiert. Nicht die Mitte ist das Ziel, sondern eine Position, die davon abweicht, weil nur so Profil zu gewinnen ist:

Die Fixierung auf die Mitte ist in Wahrheit ein Triumph des Formalismus über die Inhalte. Sie zeigt, dass der Staatsräson die Visionen abhanden gekommen sind. Technokratisches Optimieren ist der Grundcharakter aller Mittigen. Das Woher und Wohin, das Warum, das Wohl und das Weh sind keine Kategorien mehr. Stattdessen wird nachgebessert, als sei die Welt eine Sachzwangmaschine, die täglich eine Machbarkeitsmitte errechnet.

Alle vergangenen Bundeskanzler mit Profil haben sich nicht an der Mitte orientiert. Stellenweise fehlt dem Buch in meinen Augen ein roter Faden und es springt von einem Thema zum nächsten, was dem Lesefluss aber nicht abträglich ist – im Gegenteil: man liest das kurze Büchlein in einem Zug, weil die Themen wie in einem schnell geschnittenen Film durchwandert werden. Weimer identifiziert Dutzende von Phänomenen des täglichen Lebens, denen eine konservative Sichtweise gut tun würde. Auch die Bildung und die Wertschätzung von intellektueller Leistung gehören dazu:

Das Gewusste und Gekonnte sind uns zusehends weniger wert als das Interpretierte und noch weniger als das zur Schau Gestellte. [...] , in Indien sind Mathematiker angesehener als Sportstars. Wir hingegen schauen auf Uschi Glas und Oliver Kahn und lassen es zu, dass Zehntausende unserer besten Wissenschaftler auswandern.

Ein weiterer Punkt des Konservativseins ist der Glauben. Auch ihm rechnet Weimer eine Renaissance zu. Besonders interessant finde ich den weit gefassten Begriff des Glaubens, den er verwendet. Es geht nicht nur um den religiösen Glauben, sondern auch um den Glauben an Dinge, die wir aufgrund ihrer Komplexität gar nicht mehr selbst erfassen können:

Da jeder Einzelne nur Spezialist für ein Detail der Wissensgesellschaft sein kann, wächst mit der Komplexität auch das Maß an Glauben. [...] Je mehr Wissen, desto mehr Glauben an das Wissens anderer. Das heißt: Gerade die durchrationalisierte Moderne erzwingt ein ständig wachsendes Maß an Glauben.

Weitere Themen sind die Finanzkrise (Schulden sind dem Konservativen ein Graus), die Freiheit (”das Private ist das Eigentliche”) und die “Gelassenheit als bürgerliche Haltung” in einer Welt des permanenten Alarmismus.

Ein unglaublich erfrischendes Buch. Wer Wolfram Weimer (Wikipedia)
aus Cicero kennt, wird dieses Buch mögen. Weimers Kolumne ist auch online lesbar. Im Superwahljahr 2009 sollte es mehr solche politischen Bücher geben. Wer nicht in politischen Kategorien sondern in Geisteshaltungen denkt, für den ist das Buch ein Muss.

ISBN: 978-357906890-9 (Partnerlink), © Buchcover: amazon.de

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