Winterhoff, “Warum unsere Kinder Tyrannen werden”

Die Welt geht wieder mal unter. Alles ist schlecht. Unsere Kinder sind ein Albtraum: Warum unsere Kinder Tyrannen werden (Partnerlink) von Michael Winterhoff.
Die Zeitschrift Eltern fasst in Meinungssache: Unsere Kinder – alles kleine Tyrannen? das Buch so zusammen (und die 68 Kommentare sind sehr kontrovers):

“Warum unsere Kinder Tyrannen werden”. Glaubt man dem so betitelten Buch des Psychiaters Michael Winterhoff, geht das ganz schnell: Eltern, die lieber partnerschaftlich als hierarchisch erziehen, Großeltern, die ihre Enkelkinder auch mal verwöhnen, dazu ein Kindergarten, in dem die Kleinen selbst entscheiden dürfen, was sie spielen – mehr braucht es nicht, und schon ist er fertig: der kleine Haustyrann

Winterhoff (Wikipedia) identifiziert drei Beziehungsstörungen für das Entstehen der Tyrannen:

  1. Beziehungsstörung 1 – “Partnerschaftlichkeit – Kinder werden aus der untergeordneten Rolle zwangsbefreit” – hier wird zum Beispiel kritisiert, dass man die Kleinen in vielen Situationen entscheiden lässt, da sie intellektuell noch nicht in der Lage sind, für sich und ihr Tun Verantwortung zu übernehmen. Das überfordere die Kleinen und gebe keine Richtung vor. So kann wird die Psyche nicht trainiert und nicht geeignet ausbilden
  2. Beziehungsstörung 2 – “Projektion – Eltern begeben sich unter das Kind” – die Kritik bezieht sich auf die Kinder als Projektionsfläche der Liebe von Erwachsenen. Während früher die Erwachsenen die Projektionsfläche für die Liebe ihrer Kinder waren, seien heute die Kinder die Projektionsfläche für die Liebe der Erwachsenen. Die in der modernen Gesellschaft desorientierte Elternschaft sucht nach einer sicheren Quelle von Anerkennung und findet sie in ihren Kindern. So kompensieren Erzieher angeblich zusehends ihre eigenen Defizite, indem sie die ihnen anvertrauten Kinder als Projektionsfläche benutzen.
  3. Beziehungsstörung 3 – “Symbiose – Wenn Eltern mit der Psyche ihres Kindes verschmelzen” – bei der Symbiose verhalten sich die Eltern so, als seien die Kinder ein Körperteil. Die Analogie kommt daher, dass man mit Körperteilen unbewusst umgeht und dass sie “funktionieren” müssen. So lassen sich Eltern heute während Gesprächen ganz selbstverständlich von Kindern unterbrechen und Erwachsene reagieren auf die “Kontaktaufnahme des Kindes reflexartig”

Winterhoff hat zwei Kinder und ich frage mich, wie er die erzogen hat. Er analysiert im Buch nur die Gründe, gibt aber keine Hinweise darauf, wie man die identifizierten Fallstricke vermeiden soll. Beim Lesen des Buches zuckt man bei einigen Beispielen zusammen: so soll das perfekte Kind aussehen? Selbst wenn sich man die Bezieheungsstörungen bei jeder Gelegenheit vergegenwärtigt, wird es doch immer mal Geschrei und Geheule geben. Soll ein Kind etwa jedes Mal perfekt psychisch trainiert reagieren? Und wenn es so reagiert wie im Buch als Negativbeispiel beschrieben? Steht man dann kurz vor dem Abgrund? Muss man dann einen Kinderpsychater aufsuchen?

Liebe Eltern, liebe Kinderpsychater, liebe Erziehungsratgeberautoren: haltet den Ball flach! Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir plötzlich alles falsch machen und früher alles richtig machten. War denn die Vergangenheit so golden? Alles eitel Sonnenschein? Erziehung war immer schon in gewissem Sinne dem Zeitgeist verbunden und hat immer auch Auswüchse negativer Natur gehabt. Eltern sollten das Buch lesen, denn es ist durchaus aufschlussreich. Aber jeder sollte auf sein Gefühl hören und sich um sein Kinder kümmern. Das aufmerksame Kümmern wird in meinen Augen in den meisten Fällen zur richtigen Erziehungsmethode führen. Ich frage mein Kind jetzt erst einmal, was es heute zum Frühstück möchte …

ISBN: 978-357906980-7 (Partnerlink), Gütersloher Verlagshaus, © Buchcover: amazon.de

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10 Kommentare zu “Winterhoff, “Warum unsere Kinder Tyrannen werden””

  1. Emil

    Das Buch ist einfach nur ein Versuch aufmerksamkeit zu erregen. Sollte man dem Buch glauben schenken sollte bei einer genauen umgekehrten Erziehung ein wahrer Musterknabe rauskommen.

  2. David

    Und was ist mit der Prügelstrafe passiert? Die war doch früher auch ganz gut ;-)

  3. Pipemaster

    Kinder brauchen in erster Linie Liebe, und keine Disziplin und blinden Gehorsam. Diese Errungenschaft der 68er sollte man nicht durch einen drittklassigen Psychologen und viertklassigen Schreiberling kaputtschwafeln lassen. Kinder sind keine Tyrannen! Kann die Kritik an Winterhoff und seinem verallgemeinernden Stil nur unterstützen.

  4. hirnschlacht37

    …natürlich brauchen kinder liebe, keine sache. aber das ist wohl nicht synonym zu verstehen mit ” den kindern alles durchgehen lassen”, denn komplett antiautoritäre erziehung kann wohl auch nicht die lösung sein.
    kinder für sich genommen sind sicher keine tyrannen. allenfalls dann abbilder der tyrannen, die sie zu “erziehen” versuchen und die ganz offensíchtlich nicht in der lage sind, sich selbst zu domestizieren…

  5. Humanistin

    Wie man es auch wendet oder dreht, das Buch lässt einem darüber nachdenken, was das Wort erziehen überhaupt auf sich hat. Ich habe angefangen zu lesen, neugierig auf das was kommt. Und was kommt? Vieles, neues, und gute Ansätze. Bei mir kam die Frage: Wo ist hier der Vater? Ich suche, und lese weiter. Der Schreibstil ist nicht so packend. Das was gesagt wird, ist einleuchtend. Und ich lese weiter, und frage mich: Und wo ist hier der Vater? Langsam fange ich an mich zu ärgern, da meine Frage eine Frage bleibt, ich die Frage liebhabe (das sagt man so als Psychiater doch?), und ich mich mit dem Schreibstil nicht anfreunden kann. Es schwimmt. Und ich komme irgendwie nicht weiter. Das Buch liegt da, zweidrittel gelesen. Doch das was der Autor uns sagen will, kann ich gut nachvollziehen: Die Kinder heutzutage können nicht mehr Kind sein, und das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Dass der Autor das aus psychiatrischer Sicht katastrophal findet, kann ich gut verstehen. Das Gehirn wird sich anders entwickeln, bestimmt. Und damit auch das Verhalten der Kinder. Und alle können auf dem Autor rumhacken wie sie wollen, eins übersehen sie dabei: Dass er recht hat. Also bitte, nicht so rumhacken, nachdenken. Und Wege finden, die Kinder das Kind sein zurück zu geben. Doch wie macht man das, wenn man nicht weiß wie? Bin einfach gespannt auf wie es weitergeht. Das Buch lese ich noch zu Ende, und bin mir sicher, dass das zweite Buch spannender geschrieben worden ist. Jeder ist ja lernfähig.

  6. Ursula Günther

    Endlich einmal ein Buch, das es wagt, die Erziehungsnotstände aufzuzeigen. Ich habe im Berufsleben täglich die gleichen Missstände erfahren, wie Kinder , die ihre Grenzen nicht kennen und Eltern, die entsprechende Hinweise nur schulterzuckend ablehnen. Hoffentlich gibt es noch mehr solche Bücher in Zukunft.

  7. Nietzsche

    seine Kinder zu lieben, Zeit für sie zu haben ist wichtig, aber nicht ausreichend. Man muss ihnen sowohl zunehmend Freiheit geben, aber sie auch an das heranführen, was in der Gesellschaft üblich ist. Und in der Gesellschaft gibt es Grenzen, harte Grenzen. In vielen Familien dagegen herrscht Grenzenlosigkeit, in vielen Familien erziehen die Kinder die Eltern. Erziehung hat sehr viele Aspekte. Man muss jedoch wissen, dass der grundlegende der ist, die Ausnahme zugusten der Regel zu vernichten, wie Nietzsche so schön gesagt hat. Der andere Aspekt, den Kant anführte, man müsse dem Kind so viel Freiheit geben wie nötig, der trifft erst in zweiter Linie zu und das hat Kant genauso auch gesehen. Damit, dem Kind nicht alles zu erlauben, ist es übrigens nicht getan. Viele Eltern kämpfen ihrem Kind regelrecht den Weg frei, schaffen ihm alle Widerstände in der Schule und darüber hinaus aus dem Weg. Sie glauben, ihm damit Gutes zu tun. Das Gegenteil ist leider oft der Fall. Das Kind lernt aus den Widerständen, die es erlebt mit dem Lehrer, mit dem Trainer im Verein, mit schwierigen Situationen, die es fordern. Viele Eltern nehmen den Kindern diese Lerngelegenheiten einfach weg, schulternzuckend, unreflektiert, dumm, aber aus einem Gefühl der Liebe und dieses ach über allem schwebende Gefühl rechtfertigt für sie alles. Ich bin kein Anhänger populärwissenschaftlicher Bücher, denn diese Bücher schaffen es in der Regel nicht eine Gesamtschau zu bringen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, die Autoren kennen nicht einmal den Unterschied zwischen Querschnitts- und Längsschnittuntersuchung und glauben in der Regel aus Einzelfällen ließe sich etwas lernen, wohingegen Statistiken wertlos seien. Daher werde ich dieses Buch auch nicht lesen, die Kommentare, Zitate aus dem Buch usw. reichen mir. Eine populäre Ansicht ist z. B. die, bei der Erziehung komme immer etwas anderes heraus als man beabsichtige. Daher sei es egal, wie man erziehe. Beides ist falls: Erstes die Absicht, ein bestimmtes Produkt der Erziehung vor Augen zu haben, zweitens, dass es egal ist, wie man erzieht. Erziehung ist ja nur ein Aspekt, der auf das Kind einwirkt, neben der inneren Entwicklung, die nicht unwesentlich von den Genen bestimmt wird, neben Wünschen, die das Kind erfasst aus den Möglichkeiten, die es erreicht, die es für sich erkennt, aus den Zielen, die es sich setzt und nicht zuletzt aus den Zufällen, die ihm begegnen, aus den Medien, aus den Gleichaltrigengruppen usw. Aus dieser Sichtweise wäre es vermessen, ein Produkt ins Visier zu nehmen. Aber dennoch ist es nicht zwecklos, zu überlegen: Welche Anforderungen treffen das Kind? Worauf sollte man das Kind vorbereiten? Wenn man das mit gutem Gewissen tut, ob man richtig oder falsch dabei liegt: Man hat sein Bestes getan. Meine Erfahrung als Lehrer ist übrigens, dass Kinder aktuell Strenge manchmal nicht mögen, in der Rückschau, dies kann auch bereits beim Abitur der Fall sein, sind strenge Lehrer jedoch beliebt. In der Rückschau danken die Schüler diesen Lehrern oft für ihren schweren Job.

  8. Christian

    @nietzsche: danke für deinen ausführlichen Kommentar. Erziehen ist nicht einfach – und da hat jeder seine eigene Sicht der Dinge. Ich bin mir sicher, dass weder die eine noch die andere Haltung zu Erziehungsstrategien ausschließlich zielführend ist. Die Dosis und v.a. die Mischung macht es. Wahrscheinlich bedarf es einer Art “situativer Erziehung” – manchmal ist das eine Vorgehen richtig, manchmal das andere. Die Kunst ist es, die Situation korrekt zu erkennen.

  9. Jenny Werner

    Herr Winterhoff hat mit seinem Buch absolut recht.
    Und zwar mit jedem einzelnen Wort.

  10. sojola

    Nachdem ich das Buch in einem rasendem Tempo gelesen und mich in meinem taglichen handeln als Mutter und Erziherin nur bestätigt fühlte habe und sehr überzeugt an meiner Arbeitsstelle von dem Buch erzählt.
    Daraufhin wurden gleich Stimmen laut, dass dieses Buch doch auch sehr umstritten sei, und dieser Junge x aber doch kein Tyrann sei, doch eher auf die Ablehnung seiner Mutter reagiere (?) … also wie im Buch erwähnt, beginnen die Erzieherinnen zu diagnostizieren und zu delegieren.

    Es wird sich einfach schwer getan, konsequent und mit Nachdruck zu agieren, wenn ein massives Fehlverhalten seiten eines Kindes aufgetreten ist.

    Überraschend fand ich auch die Tatsache, dass einem Jungen gesagt wurde, er dürfe nicht beißen, weil der menschliche Speichel so viele Bakterien enthalte und sich die Wunde dann entzünden könne!!!!
    Schreit das nicht zum Himmel? Was wäre, wenn wir keine Bakterien im Speichel hätten? Kann man einem Kind nicht einfach sagen, du darfst nicht beißen, weil das so ist, weil man das nicht macht. Fertig aus!
    Eine einfache Regel für das gesellschaftliche Zusammenleben: Freundlichsein -JA! Beißen-NEIN! Nix ,weil und darum und blabla

    Ich glaube, viele haben das Buch vielleicht nicht verstanden. MH?

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